© Die Welt, 04.07.2002


"Schlüter, der schelm"

Im Zentrum der Schlossdebatte im Bundestag steht heute ein großer Architekt und Bildhauer: Andreas Schlüter

Von Rainer Haubrich

Berlin ist der Parvenue unter den großen Hauptstädten Europas. Bis hierher sind die Römer nie gekommen, keine Ruinen künden von einer frühen Zivilisation. Es finden sich keine romanischen Kirchen oder gotischen Kathedralen. Als Paris oder London schon bedeutende Zentren ihres Landes waren, wurde an der Spree zwischen bescheidenen Häusern Fisch verkauft. Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts entstand Architektur von allenfalls regionaler Bedeutung. Und dann tritt plötzlich dieser Andreas Schlüter auf und schafft in der verschlafenen Residenzstadt mit einem Schlag Architektur und Plastik von höchstem künstlerischen Rang.


Weder das Jahr noch der Ort seiner Geburt sind sicher belegt. Wahrscheinlich kam er 1659 in Danzig zur Welt, wo sein Vater als Bildhauer arbeitete. Erste Zeugnisse des jungen Schlüter finden sich in Warschau, wo er als Dreißigjähriger Giebelreliefs für das Krasinski-Palais fertigte. Hier lernte er, wie eine Großbaustelle funktioniert. 1694 wurde er vom brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III., dem späteren König Friedrich I., als Bildhauer nach Berlin berufen, das Bauwesen der Stadt leitete damals noch Johann Arnold Nering.

Nach seiner Rückkehr von einer Studienreise beauftragte man ihn zwei Jahre später mit der plastischen Gestaltung der Schlusssteine an den Fenstern und Toren des von Nering entworfenen Zeughauses Unter den Linden. Es folgte der Auftrag für ein bronzenes Reiterstandbild des Großen Kurfürsten, das sein Hauptwerk als Bildhauer werden sollte. Es wurde an einem exponierten Standort auf der Langen Brücke zwischen Schlossplatz und dem heutigen Nikolaiviertel aufgestellt. Heute steht es im Ehrenhof des Schlosses Charlottenburg, eine Kopie ist außerdem in der Kuppelhalle des Bodemuseums zu sehen. Die Schlosskommission hat empfohlen, im Falle einer Rekonstruktion des Schlosses das Standbild wieder auf die heutige Rathausbrücke zu versetzen, um den Zusammenhang der beiden Werke Schlüters wieder herzustellen.

1698 wurde er Nachfolger Nehrings als Architekt beim Bau des Zeughauses. Er schuf die berühmten Masken sterbender Krieger im Lichthof sowie die Trophäen auf der Dachbalustrade. Im gleichen Jahr wurde ihm die Aufgabe übertragen, das kurfürstliche Renaissanceschloss auf der Spreeinsel, das aus mehreren uneinheitlichen Bauteilen bestand, zu einem Palast umzubauen, der von der neu erlangten Königswürde des preußischen Regenten kündet. Das Berliner Schloss wurde Schlüters architektonisches Hauptwerk.

Er fiel in Ungnade, als der von ihm entworfene Münzturm an der nordwestlichen Ecke des Schlosses zusammenbrach. Der Turm sollte das königliche Wahrzeichen der Residenzstadt werden. 1704 waren bereits zwei Drittel des Bauwerks fertig gestellt, als sich der Turm neigte und zu brechen drohte. Mit Stützbauten und Eisenarmierungen, kaschiert von einem zweiten, noch aufwändigeren Entwurf, versuchte Schlüter, den Turm zu retten, musste aber zwei Jahre später dem drohenden Einsturz durch Teilabriss zuvorkommen. 1707 wurde Schlüter aus dem Hofdienst entlassen. Von dieser Schmach hat sich Schlüter nie mehr erholt. Sein gekränkter Künstlerstolz führte zu einer heftigen Nervenkrise. Dem König blieb er als "Scluter, der schelm, der den turm so verdorben gebauet" in Erinnerung.

1710 schied Schlüter auch aus der Akademie der Wissenschaften aus. Sein letzter Bauauftrag in Berlin war 1711 das Landhaus Kamecke. Es wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt und später abgerissen. Schlüters Gartenhaus, das Gießhaus und das Palais Wartenberg waren schon Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen worden. Seine Dekoration im Marmorsaal des Potsdamer Stadtschlosses verschwand mit dessen Abriss im Jahre 1960.

Nach dem Tod Friedrichs I., dessen Prunksarg aus Zinn er noch modelliert und zum Guss vorbereitet hatte, verließ Schlüter 1713 Berlin und folgte einem Ruf nach Sankt Petersburg, wo er sich sogleich in Arbeit stürzte. Er starb knapp ein Jahr nach seiner Ankunft, noch bevor er die Verwirklichung seiner groß angelegten Pläne beginnen konnte. Sein genauer Todestag blieb - wie sein Geburtstag - unbekannt, ein authentisches Bildnis von ihm ist nicht überliefert. Allein Schlüters bildhauerische Werke sind erhalten und erzählen bis heute vom Genius dieses herausragenden Künstlers.

Niemals, nicht in seinen kühnsten Träumen, hätte sich Schlüter ausmalen können, dass das Berliner Schloss zweieinhalb Jahrhunderte nach seinem schmachvollen Abschied aus der Stadt zerstört und gesprengt werden würde. Und noch weniger hat er sich vorstellen können, dass ein deutsches Parlament drei Jahrhunderte nach seinem Tod darüber beraten würde, ob die Fassaden dieses prächtigen Bauwerks und der später nach ihm benannte Schlüterhof rekonstruiert werden sollen.

Wie auch? Wir selbst haben es uns vor nicht einmal zehn Jahren kaum vorstellen können.


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